Hinter der Maske des Helden
Die schwere Tür öffnete sich mit einem Ächzen und schob den Staub der verstrichenen Jahre
vor sich her. Ihr Holz war alt und der Griff gezeichnet von den tausenden Berührungen
hoffnungsvoller Abenteurer und Forscher. Hier würde er die gestohlenen Waren verstecken,
denn niemand würde im verlassenen Dorf des alten Nosvilles nach Vorräten suchen. Er
betrachtete das leere Warenhaus und dachte an die damalige Zeit zurück; Hier hatte Eva jede
Nacht den Teig für das morgige Brot vorbereitet. Die Haken von Speck und Schinken
baumelten heute leer über dem Tisch und im Nebenraum sah er die Körbe.
Jedes Jahr, wenn die Huhnkönigin zum Nesten nach Eastmile zurückkam, stürzten sich die
mutigsten Seelen in den Kampf und brachten körbeweise Früchte und Eier ins Dorf. Der
Erfolg ihrer Vorhaben war nie garantiert, doch dank ihrer Zusammenarbeit hatten sie jedes
Jahr genug, um die Winter zu überstehen. Er betrachtete seinen Dolch und erinnerte sich.
Damals war er auch so gewesen, voller Vorfreude auf den nächsten Auftrag. Heute verbarg er
sein Gesicht hinter dem schweren Stoff, welchen er sich im nächsten Augenblick noch etwas
höher über die Nase zog. Sie haben ihn Schurke genannt und einen Schurken sollten sie
bekommen. Der kalte Wind des Herbstes zog hinter ihm in die kleine Küche und signalisierte
ihm, dass es Zeit zum Aufbruch war. Er fröstelte, als er die Tür hinter sich zuzog – unsicher, ob
es an der kühlen Septembernacht lag, oder der gefährlichen Aufgabe, die vor ihm lag.
„Retter von Nosville! Eure Anwesenheit ist Beweis eurer Aufopferung für unser Dorf! Unsere
Situation wird von Tag zu Tag aussichtsloser und das Dorf braucht erneut einen Helden, der
es vor der Härte des Winters beschützen kann!“, hallte Mimis Stimme durch die Stille und ihr
Blick traf hunderte Gesichter.
Als vor einigen Tagen bekannt wurde, dass Nahrung von Feldern und aus Vorratskammern
verschwunden war, hatte sich noch niemand Gedanken gemacht. Vielleicht hatte sich ja ein
Abenteurer mit den versiegelten Gefäßen übernommen und ein Kenkoräuber hatte den
Schaden angerichtet - in der langen Geschichte Nosvilles, waren schon ungewöhnlichere
Dinge vorgefallen. Doch als mehr und mehr Vorrat in den darauffolgenden Nächten
verschwand, rief Eva bald einen Notstand aus. Es wurden Patrouillen gebildet, um die
verbleibenden Vorräte zu schützen, doch die Zahl der Vorräte sank unverändert weiter. Wenn
sich nichts änderte, würden viele es nicht bis zum Frühling schaffen.
Durch den Heldentitel verbunden, hatten sich die verschiedensten Spezialisten erneut in
Nosville eingefunden. Raffinierte Gewänder, verzauberte Waffen und filigrane Flügel
schmückten die Körper. Und in ihrer Mitte stand… eine einfach Schurkin. Sie war keine
Heldin. Im Gegenteil. In Nosville wurde sie gemieden, denn in der Geschichte des Dorfes
stand es niedergeschrieben; Schurken wären bösartig, blutrünstig, gefährlich. Wohl auch
deswegen waren keine Schurken in der Menge. Will denn niemand von ihnen beweisen, dass
auch sie gut sein können? Plötzlich stupste sie etwas an. Ihr Inferno, als hätte er ihre
Gedanken gelesen. Er waren schon so viele Jahre vergangen, seit er als kleines Fünkchen aus
dem Ei gesprungen war. Jedes dieser Jahre hatte sie mit anderen Schurken
zusammengearbeitet, um die Schätze aus dem Nest der Huhnkönigin zu stehlen und diesen
Frühling hatte sie es endlich geschafft – ihr Begleiter hatte sich zu einem Inferno entwickelt.
„Wir haben keine Spur“, setzte Mimi fort, „und wir wissen nicht, was das Motiv sein könnte.“
Die Schurkin hörte nicht mehr zu. Sie hatte nicht vor, weiter auf dem Platz zu warten. Sie
verschwand in dem nächsten Schatten und bewegte sich zielsicher weg von der Menge, hin
zum letzten Tatort. Es hatte Jericos Schuppen getroffen und genau dieser lag nun leer vor ihr.
Sie befahl Inferno zu warten und betrat das Gebäude. Es war zuvor bereits von anderen
Dorfbewohnern durchsucht worden, aber niemand hatte einen Hinweis auf den Täter
gefunden. Die junge Schurkin stoppte. Hatten sie den Hinweis nur übersehen? Bei genauem
Hinsehen erkannte man kleine, filmartige Rückstände. Smog. Nur ein Schurke würde sie
erkennen und nur ein Schurke würde so etwas benutzen. Ein bitteres Gefühl stieg in ihr auf
doch hinter sich hörte sie bereits die ersten Stimmen anderer Spezialisten, welche ebenfalls
hier nach einer Antwort suchen wollten. Sie deutete ihrem Inferno sich hinter den Piischoten
nördlich von Jericos Haus zu verstecken. Es war Zeit zu gehen. „Jetzt erst recht, muss ich es
sein, die Nosville rettet.“, dachte sie, während sie abermals mit den Schatten verschmolz und
geräuschlos an Infernos Seite trat. Vor ihrem Begleiter standen zwei Piischoten und der Blick
der Schurkin fiel auf eine hauchdünne Kerbe in ihrer Rückseite, welche nur von einem Dolch
stammen konnte. Der Schurke, welcher bereit war, Nosville auf diese Weise zu hintergehen,
war hier gewesen. Gemeinsam mit Inferno untersuchte sie den Boden und in einiger
Entfernung fand sie Schritte. Hier hatte jemand etwas Schweres getragen. Die Schurkin folgte
einem Pfad, der auf Umwegen zurück durch Nosville und schließlich zum Port Alveus führte.
Der Täter war so oft er konnte im Schatten verschwunden, doch dazwischen hatte er eine
Spur hinterlassen. Als sie ankam, war es späte Nacht. Der Mond ließ den schönen, steinernen
Boden glitzern, doch auf dem Platz herrschte Totenstille. Sie untersuchte die Brücken und
Stufen und sie fand, was sie suchte: Im Süden des Platzes, ein goldener Apfel. Sie trat näher.
„Warum bist du hier?“, flüsterte die Schurkin und aus der Dunkelheit trat eine Gestalt, ihre
Kleidung zerrissen. „Ich wusste, dass jemand wie du mich finden würde.“, sprach die
erschöpfte Stimme des Schurken. „Ich verstehe dich nicht. Warum würdest du sowas tun? Ist
es dir gleich, wenn wir alle verhungern?“, die Schurkin warf einen Blick auf ihren Begleiter
und bei dem Gedanken stieg Wut in ihr auf. „Nein, aber es war das Richtige.“, entgegnete der
Schurke lächelnd. Plötzlich gaben seine Beine unter ihm nach und der verhüllte Körper kniete
vor der Schurkin. Sie trat näher, der Griff um ihren Dolch eisern. Der Mond sollte der sein,
welcher in jener Nacht ein weiteres Verbrechen verhinderte. Im Mondlicht fielen Tropfen zu
Boden, erst einer, dann ein zweiter und ein weiterer. Der Schurke war verletzt und das hier
war der letzte Akt seiner Geschichte. „Ein Felsgolem.“, beantwortete der Schurke die nicht
ausgesprochene Frage, „Ich habe mich überschätzt.“ „Du brauchst Hilfe!“, rief die Schurkin
aus, doch ihr Gegenüber schüttelte nur den Kopf. „Kennst du das alte Nosville? Ich habe die
Vorräte dort hingebracht. Es ist alles ganz und in Sicherheit. Ihr werdet sie finden.“, erklärte
er mit ruhiger Stimme. „Aber wieso?“, fragte die Schurkin und senkte ihre Dolchhand. „Weil
ihr euch erinnern solltet, dass ihr es damals gemeinsam getan habt. All die Abenteuer, das
Lachen. Diese Freundschaften wurden nicht geschlossen, während jeder nur sein eigenes
Wohl im Sinn hatte.“ Der Schurke hustete und im nächsten Augenblick verließ ihn seine letzte
Kraft. Die kleine Schurkin stürzte nach vorn und fing ihn auf. Sie zog ihm seine blutige Maske
vom Gesicht, er sah sie an, lächelnd und seine Augen schlossen sich ein letztes Mal.
So wurde der kleinen Schurkin trotz ihrer Berufung der Titel Heldin verliehen und sie ging in
die Geschichte Nosvilles ein. An diesem Abend wurde ausgelassen gefeiert. Und während
Dorfbewohner, Spezialisten und Schurken, Arm in Arm lachten, dachte sie nach: „Sie feiern
gemeinsam, so wie du es dir gewünscht hast.“ Und sie sah hinauf zum Himmel.